Blogparade: Das Ideal des „braven“ (Klein-)Kindes

Schauplatz vergangene Woche in der Krippe meiner Tochter. Ein kleines, maximal zwei Jahre altes Mädchen weint als die Mutter sie bei der Pädagogin zurücklassen möchte. „Wir hatten doch ausgemacht, du weinst nicht mehr in der Früh! Wir haben dir ja das tolle Geschenk besorgt, dass du extra bekommen hast, damit du nicht mehr weinst. Jetzt weinst du schon wieder! Du bist wirklich kein braves Mädchen!“

Weiterer Schauplatz, diese Tage am Spielplatz. Ein kleiner, dreijähriger Junge hat sichtlich viel Spaß und findet es lustig immer wieder mal lautstark zu schreien und im Anschluss darauf loszulachen. Darauf der Vater: „Jetzt schrei doch nicht so, sei brav!“

Neulich, im Bus. Gegenüber von uns nahm eine junge Mutter mit ihrem etwa vier Jahre alten Mädchen Platz. Da das Mädchen auch noch recht klein war, kniete es sich auf den Sitz um aus dem Fenster schauen zu können. „Nein, du musst brav sitzen bleiben!“ so die Mutter zum Kind.

Wir sind bei der Uroma zum Cafe eingeladen. Der Kuchen am Teller meiner Tochter bleibt unberührt. „Du musst schon brav essen!“, höre ich daraufhin aus ihrem Mund.

Gestern Abend im Kinderzimmer. Meine bald dreijährige Tochter wollte sich nach dem Baden ihren Pyjama selbst aussuchen. Weil die Auswahl auf den Pyjama in der Schmutzwäsche fiel, bat ich sie sich einen anderen auszusuchen, da der Benutzte voller Kakaoflecken war und erst gewaschen werden musste. Daraufhin war sie sichtlich bestürzt und ein länger andauernder wütender Gefühlsausbruch war die Folge. Mein Mann sagte unbedacht: „Mäuschen, brave Kinder regen sich aber nicht so auf!“ Die Folge: ein noch wütenderes Kind und zudem eine sehr genervte Mama. Dieses Wort wird wohl in Zukunft auch mein Mann dreifach überdenken, bevor er es überhaupt ausspricht.

Brav essen, brav sein, brav die Lautstärke bewahren, brav sitzen bleiben, brav Gefühlsausbrüche unterdrücken – oder hatte ich mich bei einer der Aussagen etwa überhört? Leider nein. „Brav“, wie ich dieses Wort hasse! Ganz davon abgesehen, dass keines meiner Beispiele wohl ansatzweise aussagt, ob ein Kind brav ist oder nicht, schon gar nicht, wenn es sich in der speziellen Situation um die Gefühle des Kindes dreht, etwa weil es traurig oder enttäuscht ist. Unglaublich in was für Zusammenhängen dieses Wort oftmals verwendet wird. Und damit unterstelle ich den Eltern keineswegs, dass sie es bewusst verwenden. Jeder von uns kennt das Wort selbst aus der eigenen Kindheit, dass darüber oft gar nicht mehr nachgedacht wird, weil uns das Ideal des „brav seins“ seit jeher verfolgt.

Doch, was macht überhaupt ein braves Kind aus? Wann wird ein Kind als brav bezeichnet? Im Normalfall wenn es gehorsam das macht, was ihm von den Eltern gesagt wird, am besten noch ohne Widerwort, schon gar nicht mit Trotz. Kurzum: wenn das Kind artig ist. Doch muss es das wirklich sein? Ist ein Kind ein schlimmes Kind, wenn es gewisse Mahlzeiten nicht essen oder nicht sitzen bleiben will? Darf es nicht laut sein und sich zu Wort melden? Oder gar mal traurig oder enttäuscht sein? Warum gehen so viele davon aus, dass ein Kind immer das tun muss, was einem gesagt wird? Und, dass es bei jeder kleinen „Wiedersetzung“ sofort als „nicht brav“ abgestempelt wird?

Kinder sind Menschen, genauso wie wir Großen, sind Individuen mit eigenem Köpfchen dafür mit viel mehr Positivität und Fantasie. Sie sollten ausprobieren, laut sein, um ihre Mama weinen dürfen, weder still sitzen noch verstummen, dafür aufgeweckt und voller Energie das Leben erleben dürfen. Kinder sollten Kinder sein, denen Vertrauen geschenkt wird und die mit elterlicher Fürsorge und Hingabe positiv durch die Welt geleitet werden. Nicht für alles muss es Vorschriften geben, die kommen sowieso früh genug im Leben. Die bravsten Kinder sind doch jene, die man einfach mal machen lässt – und da spreche ich nach bald drei Jahren mit meiner wunderbaren Tochter aus Erfahrung, zumal ich sowieso der Meinung bin es gibt keine schlimmen Kleinkinder! Wenn niemanden geschadet wird und sich niemand weh tun kann, wo liegt dann das Problem? Oder tut es jemanden weh, wenn ein Kind im Bus auf dem Sitz kniet um aus dem Fenster schauen zu können? Wenn die Mama dann noch näher heran rückt ist es nicht nur vom Runterfallen geschützt, sondern kann die vorbeifahrende Welt gemeinsam bestaunen. Lasst uns doch den Zauber der Kindheit bewahren, unserer Kinder Willen!

Weil ich seit gut zehn Tagen täglich von dem Wort „brav“ verfolgt werde, egal wohin ich gehe, rufe ich hiermit zur Blogparade auf. Was habt ihr für Erfahrungen zu diesem Thema? In welchem Zusammenhang habt ihr das Wort „brav“ schon gehört oder benutzt? Gibt es überhaupt „schlimme“ Kinder? Ich freue mich über jeden Beitrag, den ihr bis 30. November dazu verfasst – gerne einfach mit dem Link dazu hier kommentieren. Mit all euren Inputs möchte ich mich dann noch einmal umfassend mit dem Thema beschäftigen.

 

 

 

5 Gedanken zu “Blogparade: Das Ideal des „braven“ (Klein-)Kindes

  1. familymoments schreibt:

    Hallo! Ich muss sagen, ich erwische mich selbst oft dabei, dieses „komm, sei brav“ zu sagen.. Ich find´s ja schon mal gut, dass es uns bzw mir bewusst ist und ich mir darüber Gedanken mache. Dieses “ Komm, sei brav“ schleicht sich so ein und wird so „normal“. Und die Frage wann denn ein Kind böse ist, ja genau dann wenn es nicht so funktioniert wie wir es uns vorstellen und wünschen, du hast recht – es ist absoluter Blödsinn!! Es sind eben noch Kinder. Trotzdem finde ich gut gewisse Regeln aufzustellen und seinem Kind zu sagen, wenn man etwas nicht gut findet. Es gehört eben auch dazu, nicht immer mit allem einverstanden zu sein. Ich werde mir noch weiter Gedanken zu dem Thema machen! Liebe Grüße Billy

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    • mamavonzoe schreibt:

      Liebe Billy, vielen Dank für dein Kommentar. Genauso ist es, es schleicht sich so ein… und du hast auch vollkommen recht, gewisse Regeln braucht es, vor allem aber viel Kommunikation und ein Vorleben von richtig und falsch von uns. Ich wünsche euch einen schönen Sonntag! Liebe Grüße, Steffi

      Gefällt 1 Person

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